Wandelkonzert am 15.05.05

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Thematischer Schwerpunkt des Programms war die Nacht: Das "Lüneburger" Abendlied "Der Mond ist aufgegangen" (Melodie von Johann Abraham Peter Schulz, Text des Liedes von Matthias Claudius) geleitete durch die drei Kirchen St. Nicolai, St. Michaelis und St. Johannis, dazu erklangen Abend- und Nachtlieder gesungen von der Kantorei St. Nicolai, dem Kammerchor St. Michaelis und der Johanniskantorei. Die drei Kantoren spielten nächtliche Orgelwerke von Vierne, Boellmann, Debussy, Vivaldi u.a.

Das Konzert begann um 21 Uhr in St. Nicolai, anschließend ging es nach St. Michaelis, wo der Kammerchor Madrigale auf den Treppen vor der Kirche sang, anschließend gab es eine kleine Erfrischung und die Möglichkeit, bei Orgelmusik die Baustelle Kirche - auf eigene Gefahr - zu erkunden. Der Abend endete gegen Mitternacht in St. Johannis.

Matthias Claudius

Der Mond ist aufgegangen

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so holt
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglichs bauen,
nicht Eitelkeit uns freun;
laß uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Wollst endlich sonder Grämen
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod;
und wenn du uns genommen,
laß uns in Himmel kommen,
du unser Herr und unser Gott.

So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und laß uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbar auch.

Matthias Claudius (1740 - 1815)

Am 15. August 1740 ist Matthias Claudius in Reinfeld bei Lübeck geboren und am 21. Januar 1815 als Bankrevisor in Hamburg gestorben.

Tod und Geburt waren Matthias Claudius, der elf Kinder hatte, gewohnte Begleiter. 1751 starben drei Geschwister innerhalb eines Jahres, sein Bruder Josias während des Studiums in Jena 1760, 1766 die Schwester Dorothea Christine, 1773 der Vater, 1772 - sieben Monate nach seiner Hochzeit mit der achtzehnjährigen Anna Rebecca Behn - das nur wenige Stunden alte erste Kind. 1780 stirbt Claudius' Mutter, 1788 im Alter von zwei Jahren der zweite Sohn Matthias, 1796 die Tochter Christiane Marie Auguste.

Nach dem Besuch der Lateinschule in Plön, dem Studium in Jena (bis 1762) und einer Reihe von Anstellungen im Staatsdienst (1764 / 65 Sekretär des Grafen Holstein in Kopenhagen) oder als Herausgeber in Hamburg, Wandsbek und Darmstadt bekam Claudius 1785 vom dänischen Kronprinzen eine Pension ausgesetzt und 1788 eine Sinecure-Stelle als Erster Revisor der Altonaer Species-Bank.

Von 1771 - 1775 gab Claudius den "Wandsbeker Boten" heraus, eine Zeitschrift zur religiösen Erbauung und Aufklärung der einfachen Leute. Mit dieser Zeitschrift hatte Claudius auch bei Herder, Klopstock und Lessing Anklang gefunden.

Claudius trat gegen den vorherrschenden Rationalismus (und auch gegen die Klassik) ein, indem er Naturfrömmigkeit und eine gleichermaßen empfindsame und nüchterne christliche Religiosität literarisch geltend zu machen versuchte. Die Freundschaft mit den Philosophen Hamann (Briefwechsel seit 1774) und Jacobi (Begegnung in Weimar 1784, gemeinsame Reise durch Holstein 1788, 1794 Nachbarn in Wandsbek, 1798 Heirat der Tochter Anna Friederike Petrine mit Friedrich Heinrich Jacobis Sohn Max) kam so nicht von ungefähr. Hinter dem Eindruck der Kindlichkeit und naiven Frömmigkeit steht eine bewußte Entscheidung, die Grenzen des menschlichen Verstandes zu achten und sich von der Hybris und der Widersprüchlichkeit der Aufklärung nicht verblenden zu lassen. Diese Haltung führte Claudius auch in Konflikte mit politisch-publizistischem Charakter, zum Beispiel mit dem dänischen königlichen Plöner Amtsverwalter August von Hennings, der seine Zeitschrift "Genius der Zeit" zur Erwiderung nutzte.

Durch seine Einstellung kam Claudius später natürlicherweise auch in eine teilnehmende Nähe zu den Romantikern, wie sich am Beispiel der Mitarbeit an Friedrich Schlegels "Deutschem Museum" 1812 zeigen läßt.

Seine Werke gab Claudius in acht Teilen von 1775 bis 1812 heraus unter dem Titel "Asmus omnia sua Secum portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen" (Asmus, alles Seinige mit sich tragend bzw. bringend). Neben weiteren Einzelschriften sind Übersetzungen Claudius' aus dem Englischen und Französischen erwähnenswert (Saint Martin, Fenelon).

Werke, hrsg. von Bruno Adler, 3 Bde. Weimar 1924

Asmus, omnia sua secum portans, oder Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten, hrsg. von Urban Roedl [d. i. Bruno Adler], Stuttgart 1954

Sämtliche Werke, hrsg. von Jost Perfahl, Wolfgang Pfeiffer-Belli und Hansjörg Platschek, München 1968

Peter Berglar - Matthias Claudius, Reinbek 1972